Kultur”. Kernstück dieser Kultur war die Taschenbuchreihe edition suhrkamp, die Unseld gemeinsam mit dem Designer Willy Fleckhaus “erfand”. Hier kamen auf einzigartige Weise Inhalt und Ästhetik zusammen: In der regenbogenfarbigen Taschenbuchreihe wurden Texte aus Literatur, Geisteswissenschaft, Theorie, Philosophie und Theaterstücke unter einem Dach herausgegeben. Herausragend für dieses Crossover stehen Namen wie Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas, Hans Magnus Enzensberger, Max Frisch, Martin Walser, Friederike Mayröcker, Thomas Bernhard, Volker Braun, Ulrich Plenzdorf, Hans Mayer, Uwe Johnson, Ralf Rothmann, Thomas Hettche, Rainald Götz, Angela Krauß, Durs Grünbein, Ingeborg Bachmann, Peter Bichsel und Ulla Berkéwicz – um nur einige wenige zu nennen. Die Gesamtausgaben von Bertolt Brecht, Theodor W. Adorno, Georg Wilhelm Friedrich Hegel oder Walter Benjamin sind beispiellose editorische Leistungen. Diese intellektuelle Wucht bildet naturgemäß die Entwicklung der deutschen Nachkriegskultur spiegelbildlich ab, mehr noch: Der Verlag prägte diese in seinen besten Zeiten argumentativ und meinungsbildend. Die Verlagsgeschichte ist durchwoben von Legenden und Diskursen, die Aufsehen erregten und/oder gesellschaftliche Umbrüche versinnbildlichten: Da gibt es zum Beispiel den sogenannten Lektorenaufstand von 1968 in dem – ganz Zeitgeist – vom Patriarchen Unseld die Vergesellschaftung des Verlages gefordert wurde; die Einladung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt an Siegfried Unseld und Max Frisch zum Meinungsaustausch auf dem zeitlichen Höhepunkt des Deutschen Herbstes von 1978; zu nennen ist der auf publizistischer Ebene ausgefochtene Historikerstreit zwischen Nolte und Habermas, die prophetische und gleichwohl umstrittene Hinterfragung der deutschen Teilung durch Martin Walser in den 1980er-Jahren sowie dessen öffentliche Selbstbefragung zu Auschwitz in seiner Rede in der Paulskirche 1998, die in seiner Umstrittenheit wiederum verdeutlichte, dass sich der Ungeheuerlichkeit des Holocaust immer wieder neu zu stellen ist. In idealer Weise bot der Suhrkamp Verlag eine kommunikative analoge Plattform, auf der Autoren, Theoretiker, Literaten, Stückeschreiber, Lyriker, Wissenschaftler und Publizisten mit den Lesern in Dialog getreten sind. Dieses Zwiegespräch ebbt mit dem Schwinden der Funktion des Intellektuellen in der Gesellschaft ab; die öffentlichen tiefgreifenden intellektuellen Diskurse bleiben zunehmend aus. Kurzatmiges Twittern ist angesagt. Interessanterweise wird dieser Prozess relativ zeitnah mit dem Tod von Siegfried Unseld 2002 zunehmend spürbar. Auf alle Fälle bleibt der “Mythos Suhrkamp”. Um ihn neu zu entdecken, sammelt die zweiteilige Dokumentation Reflektionen, Stimmen und Geschichten von ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten, die aus verschiedensten Perspektiven etwas zu Suhrkamp zu sagen haben: die Autoren Angela Krauß, Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser, Ralf Rothmann, Peter Bichsel, Volker Braun und Durs Grünbein, die Lektoren Rudolf Rach, Karlheinz Braun und Thorsten Ahrend sowie die Literaturwissenschaftler Thedel von Wallmoden, Jan Bürger und Jörg Magenau. Komplettiert wird diese filmische Suche nach dem “Mythos Suhrkamp” durch Fernseh-Archivschätze aus vier Jahrzehnten.